Die Helios Klinik half unbürokratisch einer rumänischen Patientin. Die Pirnaer Pateneltern sind erleichtert.
Von Gunnar Klehm

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Es ist überstanden: Der Pirnaer Michael Krätzig hält seine rumänische Patentochter im Arm. Die Helios-Klinik machte es möglich, dass eine unaufschiebbare OP in Pirna erfolgen konnte. 
Die Entscheidung, ihre Familie zu vergrößern, haben sich Anja Wilke und Michael Krätzig nicht leicht gemacht. Das ist normal, in diesem Falle aber nicht gewöhnlich. Denn die beiden Pirnaer haben die Verantwortung für ein Mädchen im fernen Rumänien übernommen. Zuerst für ihre schulische, dann für die berufliche Entwicklung. Es ging immer nur bergauf, bis die Gesundheitsprobleme bei Mihaela B. so gravierend wurden, dass eine OP nicht mehr aufzuschieben war. Das sollte problematischer werden, als vieles vorher.


Vor elf Jahren hatte Michael Krätzig Mihaela kennengelernt. Als Begleiter eines Hilfstransports aus Deutschland landete er im rumänischen Provinzstädtchen Dacia. Im dort mit Spenden finanzierten Vereinshaus gingen viele Kinder ein und aus. Das Schicksal von Mihaela hat ihn besonders berührt und nicht mehr losgelassen. Das damals 12-jährige Mädchen wollte lernen. Ihre Eltern hatten andere Pläne mit ihr.
Trotz Schulpflicht sollte sie im Sommer entweder zu Hause auf ihre jüngeren Geschwister aufpassen oder Feldarbeit verrichten. Das sei für die zwölfköpfige Familie wichtiger als Bildung. So wurde es ihr immer wieder eingebläut. Sie musste sich manchmal wegstehlen, um in der Schule lernen zu können. „Das hat mir derart imponiert, dass ich mir vorgenommen habe, ihre Entwicklung zu fördern“, sagt Michael Krätzig, der den Hilfsverein Europas Kinder Pirna mit gründete. Zahlreiche Projekte wurden von den Vereinsmitgliedern in Rumänien initiiert und umgesetzt. Drei- bis fünfmal im Jahr reist der Geschäftsführer der S+K Schalungsbedarf GmbH nach Rumänien. „Das lässt einen nicht mehr los, wenn man sieht, wie sich die Leute dort in ländlichen Gebieten durchschlagen“, sagt Krätzig. Das sei teilweise unerträglich, dass es das in einem EU-Land gibt. Mihaelas Elternhaus hat weder fließendes Wasser noch Strom. Alle müssen im Sommer in der Landwirtschaft mit ran. Im Winter gibt es nur wenig Gelegenheitsjobs. Eine feste Anstellung hat in der Familie niemand.
„Ich weiß nicht, was aus mir geworden wäre, wenn nicht Anja und Michael die Patenschaft für mich übernommen hätten“, sagt Mihaela heute in gutem Deutsch. Mit Bedacht formuliert sie ihre Sätze. Wenn sie von Rumänien und ihrer Familie spricht, steigen ihr Tränen in die Augen. Ebenso, weil sie nicht weiß, wie sie ihre Dankbarkeit ausdrücken soll, die sie für ihre Patenfamilie empfindet. Nur mit deren Hilfe konnte sie das Abitur bestehen, als eine von zwei Schülerinnen ihrer 13. Klasse.
Schon lange wurde das schlanke Mädchen mit den dunklen Augen quasi als Familienmitglied von Anja Wilke und Michael Krätzig betrachtet, die seit vier Jahren auch ein leibliches Kind haben. In den Ferien ging es immer gemeinsam in den Urlaub. Schließlich vermittelte Michael Krätzig ihr auch einen Studienplatz an der Dr.-Hirsch-Akademie in Pirna – das war vor drei Jahren – und nahm sie in dieser Zeit bei sich zu Hause auf. Doch es stand nicht so gut um ihre Gesundheit. Immer wieder hatte sie Probleme im Hals und mit ihren Mandeln. Das hatte mittlerweile auch Auswirkungen auf Gelenke und andere Organe. Die Ursachen dafür könnten schon lange zurückliegen. Nach aufwendigen Untersuchungen war eines klar, dass eine Tonsillektomie, die chirurgische Entfernung der Gaumenmandeln, nicht mehr aufschiebbar war.
Doch wer sollte den Eingriff bezahlen? Für die Krankenversicherung, die ausländische Studenten wie sie während des Studienaufenthalts versichert, galt das als Vorschaden und damit nicht als versichert, wie es etwa akute Notfälle sind. „Da hatten wir noch mal Kontakt mit Pirnas Klinikum aufgenommen und dankbarerweise gab es ein großes Entgegenkommen“, sagt Krätzig.
Besonderes Bürger-Krankenhaus

Der Lebensweg der inzwischen 23-jährigen Rumänin ließ die Geschäftsführung des Helios Klinikums Pirna nicht unberührt. Sie entschied, den Großteil der Behandlungskosten selbst zu tragen. „Das Mädchen ist ein Patenkind einer Pirnaer Familie, damit wollten wir auch den Verein Europas Kinder in Pirna unterstützen“, sagt Geschäftsführerin Katrin Möller. Außerdem verstehe sich die Klinik zum einen als Bürger-Krankenhaus für die Region, zum anderen müsse aber gerade in der Mitte Europas der helfende Blick auch über die Ländergrenzen hinaus gehen, sagt Katrin Möller. Die Klinik hatte auch schon in anderen Einzelfällen geholfen, beispielsweise über die Organisation „Friedensdorf“. Im Mai hatte Mihaela alle Prüfungen zur Europa-Management-Assistentin mit Bravour bestanden. Gleich nach dem letzten Pflichtpraktikum, das sie bei der Sächsischen Aufbaubank absolvierte, ging es in die Klinik. Das brachte noch mal Aufregung. Inzwischen ist die Behandlung abgeschlossen und die 23-Jährige schaut mit noch mehr Optimismus in die Zukunft. Für den Berufsstart gibt es bereits positive Signale. Sie will außerdem in einem berufsbegleitenden Programm ihren Bachelorabschluss machen – alles in Englisch. Sollte Mihaela dann irgendwann aus dem Haus ihrer Pirnaer Paten ausziehen, geht das Engagement von Michael Krätzig in Rumänien trotzdem weiter. Eine zweite Mihaela wird es aber nicht geben. „Das kann man emotional in dieser Intensität kein zweites mal machen“, sagt der Pirnaer. Zu ihrer Familie in Rumänien hat Mihaela nur noch wenig Kontakt. „Aber ich weiß, dass meine Mutter bestimmt stolz auf mich ist.“